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Grundlagenforschung Long-Covid Review 2023

Immunologische Dysfunktion und Mastzellaktivierungssyndrom bei Long COVID

Originaltitel: Immunological dysfunction and mast cell activation syndrome in long COVID

Autoren

Sumantri S, Rengganis I

Journal

Asia Pacific Allergy

DOI

10.5415/apallergy.0000000000000022

Zusammenfassung

Review beschreibt den Zusammenhang zwischen Long COVID und Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS). Long-COVID-Patienten zeigen nahezu identische Symptome wie MCAS-Patienten. Mastzell-Hyperaktivierung durch Autoantikörper, ACE-2-Rezeptoren und Substanz P als mögliche Mechanismen identifiziert. Therapeutische Ansätze umfassen Antihistaminika, Mastzellstabilisatoren und Mediator-Synthesehemmer.


Immunologische Dysfunktion und Mastzellaktivierungssyndrom bei Long COVID

Hintergrund

Long COVID betrifft mehrere Organsysteme gleichzeitig - von kognitiven Störungen über Herzrasen bis zu Magen-Darm-Beschwerden. Dieses Review untersucht, ob ein gemeinsamer immunologischer Mechanismus dahintersteckt: das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS).

Immunologische Dysfunktion bei Long COVID

Das Review identifiziert mehrere gleichzeitig ablaufende Störungen des Immunsystems:

  1. T-Zell-Depletion: Erschöpfung und Verarmung der T-Zell-Populationen
  2. Hyperaktivierung des angeborenen Immunsystems: Überschießende Reaktion der Innate Immunity
  3. Mangel an naiven T- und B-Zellen: Eingeschränkte Fähigkeit, auf neue Erreger zu reagieren
  4. Proinflammatorische Zytokin-Signatur: Erhöhte Typ-I- und Typ-III-Interferone
  5. Persistierende Virusreservoire: Fortlaufende Entzündungsreaktionen durch verbliebene SARS-CoV-2-Bestandteile

Sekundäre Effekte umfassen Endothelschäden, Autoimmunität durch molekulare Mimikry und mitochondriale Dysfunktion.

Was ist MCAS?

Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) ist gekennzeichnet durch eine Hyperaktivierung von Mastzellen mit übermäßiger Freisetzung von Mediatoren wie Histamin, Heparin, Tryptase, Prostaglandinen, Leukotrienen und Chemokinen. Die Diagnosekriterien (nach Akin et al.) umfassen:

  1. Episodische Symptome in mindestens 2 Organsystemen (Haut, GI-Trakt, Herz-Kreislauf, Atemwege, Augen/Nase)
  2. Besserung unter Anti-Mediator-Therapie
  3. Erhöhte Mastzell-Marker (Serum-Tryptase empfohlen)
  4. Ausschluss primärer/sekundärer Mastzellerkrankungen

MCAS und Long COVID: Die Verbindung

Eine Studie von Weinstock et al. zeigt, dass Long-COVID-Patienten nahezu identische Symptome wie MCAS-Patienten aufweisen: Brain Fog, Tachykardie, Fatigue, Kurzatmigkeit und Migräne.

Mechanismen der Mastzell-Aktivierung bei Long COVID

  • Autoantikörper: Aktivierung von Toll-like-Rezeptoren durch SARS-CoV-2 führt zur Bildung von Autoantikörpern, die mit Mastzell-Immunglobulin-Rezeptoren interagieren
  • ACE-2-Rezeptoren: Mastzellen besitzen reichlich ACE-2-Rezeptoren, über die das Virus direkt Mastzellen aktivieren kann
  • Substanz P: Erhöhte Substanz-P-Sekretion verstärkt die Mastzellaktivierung zusätzlich

Multisystemische Beteiligung

Long COVID kann praktisch jedes Organsystem betreffen:

  • ZNS: Kognitive Beeinträchtigung, Fatigue, Gedächtnisverlust
  • Herz-Kreislauf: Brustschmerzen, Palpitationen, POTS, Mikroangiopathie
  • Atemwege: Dyspnoe, gestörter Gasaustausch
  • Magen-Darm: Bauchschmerzen, Blähungen, Leberdysfunktion
  • Endokrin: Neu auftretender Diabetes
  • Immunsystem: Rezidivierende Infektionen, neue Autoimmunität, Urtikaria

Therapeutische Ansätze

Erste Linie

  • Triggervermeidung: Hitze, Stress, bestimmte Medikamente, histaminfreisetzende Lebensmittel
  • H1- und H2-Rezeptorantagonisten in Kombination
  • Mastzellstabilisatoren (z.B. Natriumcromoglycat)

Ergänzend

  • Mediator-Synthesehemmer: Aspirin, Montelukast, Zileuton
  • Anti-Leukotrien-Medikamente
  • Antihistaminika-Kombinationen (sedierende und nicht-sedierende)

Bedeutung für Patienten

Das Review stützt die These, dass bei einem Teil der Long-COVID-Patienten eine MCAS-ähnliche Immunreaktion vorliegt. Eine frühe Erkennung und Behandlung von MCAS bei Long COVID könnte systemische Komplikationen reduzieren und die Lebensqualität verbessern. Die beschriebenen Therapieansätze - insbesondere Antihistaminika und Mastzellstabilisatoren - sind vergleichsweise gut verträglich und kostengünstig.

Es ist jedoch zu beachten, dass es sich um ein narratives Review handelt und keine eigenen klinischen Daten erhoben wurden. Kontrollierte Studien zu MCAS-spezifischen Therapien bei Long COVID stehen noch aus.

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Lesen Sie die vollständige wissenschaftliche Arbeit im Original auf der Journal-Website.

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