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HBOT Long-Covid Kohortenstudie 2025

HBOT bei ME/CFS: Klinische Verbesserungen und Normalisierung thalamischer Konnektivität

Originaltitel: Hyperbaric oxygen therapy improves clinical symptoms and functional capacity and restores thalamic connectivity in ME/CFS

Autoren

Kim L, Cammà G, Kedor Peters C, Mantwill M, Müller O, Leprêtre N, Heindrich C, Rust R, Krill M, Hartung TJ, Reeß LG, Krohn S, von Heymann C, Wittke K, Finke C, Scheibenbogen C

Journal

medRxiv (Preprint)

DOI

10.1101/2025.10.29.25339096

Zusammenfassung

Prospektive Kohortenstudie (Preprint): 30 ME/CFS-Patienten (Kanadische Konsensuskriterien), 40 HBOT-Sitzungen (2 ATA, 90 min). Signifikante Verbesserungen bei körperlicher Funktion (g=0,71), Fatigue (g=0,87), Schmerz (g=0,79) und Kognition. Normalisierung thalamischer Hyperkonnektivität bei Respondern im fMRT. Noch nicht peer-reviewed.


HBOT bei ME/CFS: Klinische Verbesserungen und Normalisierung thalamischer Konnektivität

Hintergrund

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine schwere neuroimmunologische Systemerkrankung, die durch ausgeprägte Fatigue, kognitive Einschränkungen, autonome Dysfunktion und belastungsinduzierte Beschwerdeverschlechterung (Post-Exertional Malaise, PEM) gekennzeichnet ist. Es existiert bislang keine zugelassene Therapie. Bildgebungsstudien zeigen bei ME/CFS-Patienten eine veränderte Konnektivität in mehreren großen Hirnnetzwerken. Diese prospektive Studie untersuchte Wirksamkeit und Verträglichkeit von HBOT bei ME/CFS und deren Auswirkungen auf funktionelle Hirnveränderungen.

Studiendesign

  • Art: Prospektive Kohortenstudie (Preprint, noch nicht peer-reviewed); Rekrutierung August 2023 bis März 2025
  • Einrichtung: Institut für Medizinische Immunologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin; HBOT am Center for Hyperbaric Oxygen Therapy and Diving Medicine, Vivantes Klinikum Friedrichshain, Berlin
  • Population: 30 ME/CFS-Patienten (Alter: Ø 42,3 ± 11,7 Jahre; 7 Männer, 23 Frauen); Diagnose nach Kanadischen Konsensuskriterien (CCC) mit PEM ≥ 14 Stunden
  • Intervention: 40 HBOT-Sitzungen in einer Mehrkammer (Starmed-Quadro, HAUX), 2 ATA, 100 % Sauerstoff per Maske, 90 Minuten pro Sitzung mit 5-minütigen Luftpausen alle 20 Minuten; ambulant, bis zu 5 Sitzungen/Woche über 8–16 Wochen
  • Kontrollgruppe (MRT): 30 alters- und geschlechtsgematchte gesunde Kontrollpersonen (Alter: Ø 42,3 ± 11,3 Jahre; 7 Männer, 23 Frauen)
  • Messzeitpunkte: Baseline, 4 Wochen nach Behandlungsbeginn, Behandlungsende, 4 Wochen nach Abschluss
  • Primärer Endpunkt: Veränderung der körperlichen Funktionsfähigkeit (SF-36 Physical Functioning, SF-36 PF; Skala 0–100)
  • Sekundäre Endpunkte: Fatigue (Chalder Fatigue Scale, CFQ), Schmerz (SF-36 Pain), Belastungskapazität (1-Minuten-Sit-to-Stand-Test), Handkraft (Dynamometer), kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit (Symbol Digit Modalities Test, SDMT), orthostatische Intoleranz (passiver Stehtest), Hirn-MRT (Volumetrie und funktionelle Konnektivität, fMRI; Siemens 3T PRISMA, BCAN Berlin)
  • Responder-Definition: Anstieg des SF-36 PF um ≥ 10 Punkte von Baseline bis 4 Wochen nach Abschluss
  • Registrierung: ClinicalTrials.gov NCT06118138

Zentrale Ergebnisse

Klinische Outcomes (lineare Mixed-Modelle):

EndpunktEffektgröße (Hedges’ g)p-Wert
Körperliche Funktion (SF-36 PF)g = 0,71p = 0,006
Schmerz (SF-36 Pain)g = 0,79p = 0,002
Fatigue (CFQ)g = −0,87p < 0,001
Belastungskapazität (Sit-to-Stand)g = 0,66p < 0,05
Handkraftg = 0,40p < 0,05
Kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit (SDMT)g = 0,52p < 0,05

Therapieadhärenz war hoch. Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet.

MRT-Befunde:

  • ME/CFS-Patienten zeigten gegenüber gesunden Kontrollen erhöhte thalamische Konnektivität in bilateral-sensomotorischen Regionen (p < 0,001, t = 5,65, FDR-korrigiert) und visuell-okzipitalen Regionen (p < 0,001, t = 5,4, FDR-korrigiert)
  • Nach HBOT: Normalisierung der thalamischen Hyperkonnektivität
  • Responder zeigten stärkere Reduktion der thalamischen Hyperkonnektivität als Non-Responder (p < 0,001, t = −4,34 bis −5,18, FDR-korrigiert)

Klinische Bedeutung

Die Studie stammt von der renommierten Scheibenbogen-Gruppe am Charité Fatigue Centrum. Der Befund, dass thalamische Hyperkonnektivität — ein messbares neurophysiologisches Korrelat — sich nach HBOT normalisiert und mit dem klinischen Ansprechen korreliert, liefert einen konkreten bildgebungsbasierten Biomarker-Ansatz. Das HBOT-Protokoll (2 ATA, 90 min) entspricht einem milden Hochdruckprotokoll mit guter Verträglichkeit.

Limitationen

Wichtig: Dies ist ein Preprint, der noch nicht peer-reviewed wurde. Die Ergebnisse sind vorläufig. Weitere Einschränkungen:

  • Keine Kontrollgruppe / kein Sham-Arm für die klinischen Outcomes — Placeboeffekte können nicht ausgeschlossen werden
  • Kleine Stichprobe (n = 30)
  • Keine Verblindung der Patienten
  • Kausalität zwischen HBOT und Hirnveränderungen nicht abschließend belegbar
  • Die Autoren empfehlen ausdrücklich ein größeres randomisiert-kontrolliertes Folgestudie zur Bestätigung

Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, NKSG 01EP2201), Klinik Bavaria Kreischa, Weidenhammer Zöbele Research Foundation.

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Lesen Sie die vollständige wissenschaftliche Arbeit im Original auf der Journal-Website.

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